Côte-Rôtie Coteaux de Bassenon 2016, Jean-Michel Stéphan
Jean-Michel Stéphan: Der stille Rebell von Tupin-et-Semons
Es gibt Winzer, die Wein machen. Und dann gibt es Jean-Michel Stéphan — einen Mann, der Wein lebt, atmet, versteht, auf eine Art und Weise, die in der Côte-Rôtie schlicht niemand sonst praktiziert.
Die Geschichte beginnt nicht mit ihm. Sie beginnt mit seinem Grossvater, einem Bauern, der am Rande seiner Gemüsegärten Reben pflanzte, um das Feld vom Nachbarn zu trennen. In einer Zeit, als die steilen Hänge der Côte-Rôtie als so unbedeutend galten, dass man sie beim Kauf von flachem Ackerland gratis dazugab. Niemand wollte diese Hänge. Niemand ausser denen, die sie liebten.
Jean-Michel entschied sich, diese Hänge ernst zu nehmen. 1991 übernahm er zwei Hektar Reben. Er lernte bei Jean-Paul Brun im Beaujolais — der Schule des natürlichen Weins, der karbonagetriebenen Frische, des Respekts vor dem lebendigen Traubenmost. Dann kehrte er zurück nach Tupin-et-Semons und tat etwas Radikales: Er machte Côte-Rôtie ohne Schwefel. Ohne Filtrierung. Ohne Kompromiss.
Das war 1994. Seine Kollegen hielten ihn für verrückt.
Damals war ein schwefelfreier Côte-Rôtie undenkbar. Die Appellation war bekannt für ihre strukturierten, tanninreichen, oft holzbetonten Weine — Weine, die man jahrelang kellernd vergessen musste. Stéphan machte das Gegenteil: lebendige, vibrierende, pulsierende Weine, die Energie aus dem Boden ziehen statt aus dem Keller.
Die Sérine: Ein Schatz vor dem Vergessen
Das Herzstück seines Weinguts ist die Sérine — die ursprüngliche, präphylloxerische Syrah der Côte-Rôtie, feiner, komplexer und flüchtiger als moderne Klone. Auf der Parzelle Bassenon wachsen Sérines, die 1896 gepflanzt wurden. 130 Jahre alte Reben. Wurzeln, die tiefer in den Granit reichen, als man sich vorstellen kann. Ertrag: minimal. Intensität: maximal.
Diese alten Reben geben keine Menge. Sie geben Charakter. Sie geben Geschichte. Sie geben einen Geschmack, den man anderswo auf der Welt nicht findet.
Bassenon: Die Parzelle am Ende der Welt
Der Coteaux de Bassenon liegt ganz im Süden der Appellation, direkt gegenüber dem Weinberg von Condrieu. Das Terroir ist komplex: alte Rhône-Alluvionen, Gletschermoränen, dunkler Granit mit Biotit, Leukogneis — ein geologisches Mosaik, das dem Wein seine unverwechselbare, fast elektrische Mineralität verleiht.
Hier ist alles Handarbeit. Auf manchen Terrassen ist kein Traktor möglich. Also zieht ein Pferd den Pflug. Oder ein Mensch geht zu Fuss. Stéphan nennt das nicht romantisch. Er nennt es notwendig.
Ein Wein ohne Maske
Kein SO2. Keine Hefe. Keine Filtration. Kein Schönen. Stéphans Weine sind radikal transparent — was die Traube gibt, kommt ins Glas. Das bedeutet: In einem grossen Jahr wie 2016 ist der Wein atemberaubend. In einem schwierigen Jahr kann er sperrig sein. Das ist keine Schwäche. Das ist Ehrlichkeit.
In einigen Kreisen gilt Jean-Michel Stéphan als der grösste Syrah-Winzer der Welt. Man kann streiten. Aber wer einmal einen Bassenon getrunken hat — wirklich getrunken, mit Zeit, mit Luft, mit Geduld — versteht, warum.


Rezensionen
There are no reviews yet