Vin de Pays de Vaucluse Rouge 2017, Domaine des Tours
2016 gegen 2017: Zwei Charaktere, eine Seele
Wenn man zwei Jahrgänge des gleichen Weins im Keller hat — und man hat das seltene Glück, beide zu besitzen — stellt sich immer die gleiche Frage: Welchen öffnet man zuerst? Für den Domaine des Tours Vaucluse Rouge ist die Antwort komplexer und interessanter als man denkt.
Der 2016 ist der introvertierte Jahrgang. Kühl, präzise, mit einer Spannung und Mineralität, die man eher in einem grossen Burgunder vermutet. Er braucht Zeit — im Glas, in der Karaffe, im Keller. Er ist der Wein für den Abend, der langsam wird, der sich entfaltet, der am nächsten Morgen noch im Gedächtnis ist.
Der 2017 ist sein geselliger Bruder. Wärmer, runder, offener — vom ersten Schluck an zugänglich, verführerisch, unmittelbar. Er braucht weniger Zeit. Er kommt auf einen zu, statt zu warten. Er ist der Wein für den Moment, für das spontane Abendessen, für das erste Glas, das gleich das zweite ruft.
Beide kommen aus denselben Händen, denselben Reben, demselben Keller. Und doch erzählen sie verschiedene Geschichten — wie zwei Kapitel desselben Romans, die man unterschiedlich laut liest.
Die Stille als Methode
Was Reynaud von fast allen anderen Winzern unterscheidet, ist nicht nur seine Philosophie — es ist seine Stille. Er gibt keine Interviews. Er besucht keine Messen. Er veröffentlicht keine Tasting Notes. Er schreibt keine Pressemitteilungen. Der Wein redet. Der Winzer schweigt.
In einer Zeit, in der Weinmarketing lauter geworden ist als je zuvor, ist diese Stille radikal. Und sie funktioniert, weil der Wein stark genug ist, um für sich selbst zu sprechen — in jedem Jahrgang, in jeder Flasche, in jedem Glas.
Der 2017 ist ein besonders schönes Beispiel dafür. Warm, direkt, verführerisch — und trotzdem mit dieser unverwechselbaren Reynaud-Tiefe, die ihn über alle anderen Landweine seiner Kategorie erhebt. Man trinkt ihn und denkt: Das kann kein anderer. Und man hat Recht.

Rezensionen
There are no reviews yet